HERZLICH WILLKOMMEN

Ins Ungewisse I

„In der Nacht zuvor war die Temperatur in der Feuchtwiese leicht unter den Gefrierpunkt gesunken. Bis heute Morgen blieb sie im Minusbereich, und das hat einiges in der Wiese verändert. Die Blätter des Blutweiderichs haben sich kräftig rot verfärbt und werden an Buntheit nur noch vom Wiesenstorchschnabel übertroffen, dessen Laub jetzt Violett-, Purpur- und Orangetöne zieren. Wie die Bäume im Wald ziehen auch viele Kräuter vor dem Winter das wertvolle Blattgrün aus ihren Blättern, um dessen Bestandteile in ihren unterirdischen Rhizomen zu speichern. So können sie im nächsten Frühling ‚recyceln‘ … Die Sonne scheint und weckt die Wiese zum Leben. Dicke Kreuzspinnen erklimmen hoch aufragende Halme, um noch einmal ein Radnetz zu bauen. Golden leuchtende Bernsteinschnecken 

kriechen auf unergründlichen Wegen an braunen Halmen auf und ab. Hie und da sitzen Wanzen und putzen sich den Saugrüssel – anscheinend ihre Lieblingsbeschäftigung … Und bereits am Nachmittag kommt ein leichter, kalter Wind aus Nordost auf. Schnell ist es zwischen Gräsern und Kräutern totenstill. Irgendwo in der Entfernung plaudern die Krähen, und vom Fluss her dringt leises Gurgeln über die Wiese, in der lediglich die trockenen Gräser raschelnde Geräusche von sich geben, wenn der Wind in sanften Böen darüberstreicht … Die Wiese war vielleicht noch nie so schön wie an diesem Morgen. Aber nun, als die Sonne erneut aufgeht, fällt alles in sich zusammen. Die grünen Halme liegen am Boden. Die bunten Blumen hängen schlaff herab. Die Farben der Kräuter sind über Nacht verschwunden …“

Auszüge aus dem Kapitel „Herbstzeit“, Jan Haft,
„Die Wiese – Lockruf einer geheimnisvollen Welt“, erschienen 2019 im Penguin Verlag,
ISBN 978-3-328-60066-4.

Das Buch und der Film „Die Wiese – Ein Paradies nebenan“, ebenfalls von 2019, haben mich nachhaltig inspiriert, mich mit der Schönheit von Flora und Fauna zu beschäftigen. Themen wie „Biodiversität“ und „Artensterben“ begleiten meine Arbeit.